Ernährungsreport 2017

Der vorgestern vorgestellte Ernährungsreport 2017 der Bundesregierung führt zu einem lachenden und einem weinenden Auge: Die italienische Küche scheint noch immer beliebt zu sein – immerhin 38 % der Befragten essen am liebsten Pastagerichte und 13 % Pizza! Doch andererseits gibt es deutlich negative Trends …

 

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Zugegebenermaßen hat selbst die eingangs positiv bewertete Wertschätzung von Pasta und Pizza ihre Licht- und ihre Schattenseite, denn die zum Ausdruck kommende Geschmackssicherheit braucht natürlich ein Korrektiv in Form von etwas Grünem. „Am liebsten Gemüsegerichte“ essen nämlich nur 20 % der Befragten. Aber wahrscheinlich ist auch die Fragestellung blöd, denn man kann ja einerseits etwas durchaus „am liebsten“ essen, aber dennoch regelmäßig zusätzlich zu etwas ernährungsphysiologisch Sinnvollem greifen. In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, dass man in Italien selten im Rahmen einer Mahlzeit ausschließlich Nudeln isst (gewissermaßen als piatto unico), sondern dass Nudeln nur ein Primo sind im Rahmen einer mehrgängigen Speisefolge, die als Antipasto oder als Beilage durchaus auch Gemüse enthält.

 

Ein negativ zu beurteilender Umstand ist jedoch m.E. der Trend, dass laut Ernährungsreport über die Hälfte (55 %) der Interviewten Wert auf eine einfache und schnelle Zubereitung legt. Bei den 19- bis 29-Jährigen sind es sogar 72 %, und auch Frauen stimmen dieser Forderung mit 63 % noch mehr zu als Männer (45 %). Der Wunsch nach einfacher und schneller Zubereitung ist als solcher natürlich nicht verwerflich – die Forderung nach zeitökonomischem Kochen ist sogar eine der diesen Blog tragenden Überzeugungen, der ich in meiner Küchen-Philosophie auch angemessenen Platz eingeräumt habe und die zu beachten ich mich bei der Auswahl meiner Rezepte bemühe. Problematisch wird es jedoch, wenn der Wunsch nach einfacher und schneller Zubereitung statt zum Kochlöffel zum Griff zu Fertigprodukten führt. Stolze 60 % der 19- bis 29-Jährigen greifen nämlich gern zu Fertigprodukten, während dies im gesellschaftlichen Durchschnitt nur 41 % tun (im Vorjahr waren es sogar erst 32 %). „Je jünger, desto Tiefkühlpizza “ titelte treffend die Süddeutsche. Umgekehrt wird dementsprechend immer weniger gekocht: Nur noch 39 % der Befragten kochen täglich, 33 % zwei- bis dreimal pro Woche, und 12 % kochen schließlich gar nicht mehr selbst. Schlechte Aussichten also für einen Kochblog … – trotz diverser Kochshows im Fernsehen?

 

Nun, zunächst sind die Aussichten nicht ganz so schlecht, denn es fragt sich, inwiefern die gesammelten Daten überhaupt einen Aussagewert haben. Auf der einen Seite antworten 89 % der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren auf die Frage, ob sie gerne kochen, mit „Ja“. Andererseits aber bekennen 30 % dieser Altersgruppe, nie zu kochen! Es drängt sich also sehr der Eindruck auf, dass die Befragung zumindest in Teilen eher das Wunschbild der Befragten spiegelt als deren tatsächliches Verhalten. Dies wird auch an anderen Fragestellungen bzw. Antworten deutlich, etwa wenn 87 % der Befragten sich eine bessere Tierhaltung wünschen, aber nur 6 % (Tendenz fallend!) angeben, im Bio-Markt einzukaufen.

 

Aber diese Differenz zwischen, ich nenne es mal: politisch korrekter Außendarstellung (man weiß, was man antworten soll) und eigener Praxis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zukunftsaussichten eher trübe sind. Hoffen wir, dass Uwe Gebauer, der in den Westfälischen Nachrichten[1] den Ernährungsreport kommentiert, wenigstens nicht vollständig recht behalten wird, wenn er schreibt:

Wer die Zubereitung seines Essens nahezu komplett aus der Hand gibt, hat über kurz oder lang nur noch wenig Einfluss auf dessen Qualität, auf die Umweltverträglichkeit von Produktion und Transport , auf Art und Weise der Tierhaltung. Aus Lebensmitteln werden nahezu beliebige Industrieprodukte: Sägemehl im Joghurt, Farbstoffe und Geschmacksverstärker in vorgefertigten Speisen sind längst gang und gäbe. Das Ganze hat bittere Konsequenzen : Wo heute nur noch widerwillig oder gar nicht selbst gekocht wird, lernen Kinder die Zubereitung von Lebensmitteln überhaupt nicht mehr. Eine Generation weiter wird das Kochen zu einem ausgefallenen Hobby für eine Handvoll Enthusiasten. Und die anderen? Die leben dann vermutlich schon in Wohnungen, in denen Kühlschrank und Mikrowelle die Küche ersetzen. Und Lebensmittel kommen endgültig nicht mehr vom Feld oder aus dem Stall. Sondern aus Labors und Fabrikhallen.

 

Vielleicht liegt im Auseinanderfallen von Wunsch und realem Verhalten ja auch die Möglichkeit, dass Ersteres das Letztgenannte bestimmt …?

 

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. Uwe Gebauer: Deutsche haben wenig Lust zu kochen – mit bitteren Konsequenzen, zit.n.: http://www.wn.de/Startseite/Startseite-Schattenressort/2017/01/2650149-Kommentar-zum-Ernaehrungsreport-2017-Deutsche-haben-wenig-Lust-zu-kochen-mit-bitteren-Konsequenzen (Letzter Zugriff: 04.01.2017)

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