Filippo Tommaso Marinetti: La cucina futurista

Italienische Kochbücher und Köche – #18

 

Die cucina futurista war faktisch nicht sehr folgenreich für die Entwicklung der italienischen Küche, hat jedoch die Diskussion um die Ausrichtung der italienischen Küche stark angefacht und ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine gesellschaftliche Bewegung verschiedenste Lebensbereiche neu zu gestalten versuchte. Das von Filippo Tommaso Marinetti verfasste Buch

 

La cucina futurista

 

erschien 1932 und damit zu einer Zeit, als die Bewegung des Futurismus ihren Zenit schon längst überschritten hatte. Zur Erklärung der recht ungewöhnlichen Rezeptvorschläge Marinettis ist es hilfreich, zunächst einen kurzen Blick auf die Bewegung der Futuristen zu werfen.[1]

 

giacomo balla hund
Giacomo Balla:
Bewegungsrhythmus eines Hundes an der Leine
1912, Buffalo / New York (Albright-Knox Art Gallery)

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Attribution: Giacomo Balla, CC BY-SA 4.0 , attraverso Wikimedia Commons

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Um 1900 herrschte bei vielen Künstlern und Intellektuellen eine gewisse Saturiertheit hinsichtlich der kulturellen und politischen Situation. Das Bürgertum wurde als korrupt, indifferent, konservativ und rückwärtsgewandt empfunden, dem „mit Energie und Verwegenheit“[2] entgegenzutreten sei. 1909 veröffentlichte Marinetti, ein italienischer Dichter, im pariser Figaro das sogenannte futuristische Manifest, das den Ausgangspunkt der sich später formierenden futuristischen Bewegung darstellt. „Gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit […], die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht“, forderte Marinetti „Mut, Kühnheit und Auflehnung […], die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag“, aber auch die Verherrlichung des Krieges und der „schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.“ Besonders fasziniert waren Marinetti und seine Weggenossen von der modernen Technik und der durch diese ermöglichten Geschwindigkeiten, was sich in Lobpreisungen von Fabriken, Rennwagen und „breitbrüstigen Lokomotiven“ äußerte – selbst die Geschwindigkeit, mit der ein kurzbeiniger Dackel seine Beine wirft, galt als Faszinosum und dem futuristischen Maler Giacomo Balla als bildwürdig.

 

Die Aggressivität, mit der die herrschen Zustände überwunden werden sollten, und die Begeisterung für den Krieg waren Berührungspunkte mit der faschistischen Bewegung Italiens. 1918 gründete Marinetti zunächst eine eigene futuristische Partei, den Partito Politico Futurista, der jedoch schon 1920 in der faschistischen Bewegung Mussolinis aufging, den Marinetti übrigens 1924 als „teuren und großen Freund“ bezeichnete. Trotz großer Übereinstimmungen war das Verhältnis der Futuristen zur faschistischen Bewegung nicht ungetrübt – vor allem in kulturpolitischen Fragen war man sich nicht immer einig.

 

Aufgrund des Anspruchs, das gesamte soziale Leben verändern zu wollen, folgten dem initialen Futuristischen Manifest von 1909 zahlreiche weitere Manifeste[3], meist verschiedenen kulturellen Sparten wie der Malerei, der Architektur oder dem Kino gewidmet. Und 1930 dann schließlich zunächst das Manifesto della cucina futurista[4], 1932 gefolgt vom Buch La cucina futurista, verfasst von Marinetti in Zusammenarbeit mit Fillìa (Pseudonym des Malers Luigi Colombo).

 

marinetti cucina futurista
Erstauflage von 1932

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Page URL: Screenshot des Exemplars der Accademia Barilla Padua
Attribution: gemeinfrei

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Wer ein Kochbuch mit leckeren Rezepten erwartet hat, der wird enttäuscht – auch hier erweist sich Marinetti als enfant terrible. Das Buch enthält zwar knapp 200 Rezepte, doch die sind meist eher fantasievoll als kochbar und schon gar nicht lecker. Nehmen wir als Beispiel das Rezept für Terra di Pozzuoil e verde veronese (S. 225): Kandierte Zitronatzitronen werden gefüllt mit frittiertem und gehacktem Tintenfisch. Die Empfehlung Marinettis: Das Ganze soll man gut durchkauen – so, als ob man es mit Kritikern der Futuristen zu tun hätte… Auch die Rezeptnamen sind zuweilen unerträglich, etwa die Bombardierung Adrianopels (S. 240 – Adrianopel, heute das türkische Edirne, wurde im Ersten Balkankrieg Opfer einer strategischen Bombardierung).

 

marinetti
Emilio Sommariva:
Filippo Tommaso Marinetti
1913, Fotographie

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Attribution: it:Emilio Sommariva, Public domain, attraverso Wikimedia Commons

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Noch schockierender ist das Sakrileg, die Abschaffung der Pastasciutta zu fordern. Das Nationalgericht der Italiener, die nationsstiftenden gekochten Nudeln mit (Tomaten-)Sauce, soll abgeschafft werden, denn es ist „eine absurde gastronomische Religion Italiens. […] Sie erzeugt Schlaffheit, Pessimismus, nostalgische Inaktivität und Neutralismus“ (S. 28f). Aber nicht nur deshalb waren Nudelgerichte den kampfeslüsternen Futuristen ein Dorn im Auge. Tatsächlich war Weizenmehl seinerzeit Mangelware. Trotz der vom faschistischen Regime 1925 begonnenen battaglia del grano (dt.: Getreideschlacht), dem forcierten Getreideanbau in Italien, konnte der Bedarf nicht durch die heimische Produktion gedeckt werden und den Wegfall der Importe (zuvor vor allem aus der Ukraine) kompensieren. Der aufgrund des Abessinien-Kriegs gegen Italien verhängte internationale Wirtschaftsboykott machte das Getreide knapp, das vor allem zur Herstellung von Brot benötigt wurde und so nicht mehr für die Pasta-Produktion zur Verfügung stand. Auch aus diesem Grund forderten die Futuristen die Abkehr von der Pastasciutta und bezeichneten es als „patriotisch, als Ersatz Reis zu bevorzugen“ (S. 25). Und so finden wir denn viele Reisgerichte in der cucina futurista, z.B. in Form einer halbwegs positiven Bewertung eines Orangen-Risottos (S. 132) oder auch als Rezept für Arancine di riso (S. 217). Der ungebrochene Fortschrittsglaube der Futuristen führte schließlich auch zu der Hoffnung, die Chemie könne in Zukunft wesentliche Beiträge zur Ernährung der Menschen liefern, was sich – wie wir heute wissen – als sehr zweischneidig erwiesen hat.

 

Und so bleibt unter dem Strich nicht viel. Die Gewalt bejahrende, kriegslüsterne Grundhaltung der Futuristen, ihr reaktionär-chauvinistisches Rollenverständnis, das auf der „Verachtung des Weibes“[5] basiert, haben ohnehin einen skeptischen Blick auf die futuristische Küche zur Folge, der bei genauerem Hinsehen bestätigt wird. Marinettis cucina futurista hat zweifellos eine gewisse Wirkung gehabt, es erfreulicherweise jedoch nicht geschafft, der italienischen Küche ihren Stempel aufzudrücken. Wir genießen weiter Pastasciutta und blättern hin und wieder mit einem distanzierten Interesse in der cucina futurista. Nur wenige Rezepte scheinen möglicherweise ein Ausprobieren wert, etwa das alkoholische Mixgetränk Giostra d’alcool (S. 212), bei dem 2/4 roter Barbera-Wein, 1/4 Campari bitter und 1/4 Cedrata gemischt werden – die zum Eintauchen vorgeschlagenen Spießchen mit Käse und Schokolade würden wir allerdings weglassen …

 

 

Auswahl verfügbarer Ausgaben

Print:
Filippo Tommaso Marinetti u. Fillìa: La cucina futurista, Foligno (Il formichiere) 2018

Filippo Tommaso Marinetti u. Fillìa: La cucina futurista, Perugia (Tozzuolo) 2019

Filippo Tommaso Marinetti u. Fillìa: Die futuristische Küche, übersetzt v. Klaus M. Rarisch, Stuttgart (Klett-Cotta) Stuttgart 1983
vergriffen

Filippo Tommaso Marinetti: Manifest der futuristischen Küche, in: Manifeste des Futurismus, übersetzt v. Stefanie Golisch, Reihe „Fröhliche Wissenschaft“, Berlin (Matthes & Seitz) 2018

digitalisiert und online:
Filippo Tommaso Marinetti u. Fillìa: La cucina futurista, Mailand (Sonzogno) 1932 (Erstauflage)
1: Accademia Barilla Parma; online
2: Mart – Archivio del ‚900, Trento/Rovereto; online
3: Standort unbekannt, PDF

Filippo Tommaso Marinetti: Manifesto della cucina futurista, Gaeta (Passerino) o.J.
z.Z. wohl nur als ebook erhältlich

 

 

Reihe "Italienische Kochbücher und Köche"

Nr. 1Einführung
Nr. 2Apicius: De re coquinaria (3./4. Jh.)
Nr. 3Anonym: Liber de Coquina (um 1310)
und Hinweise auf:
Anonimo Meridionale: (Anonimo Meridionale) (Ende 14./ Anf. 15. Jh.)
Anonimo Toscano: Libro di cocina (um 1400)
Anonimo Veneziano: Libro per cuoco (Anfang 15. Jh.)
Nr. 4Maestro Martino: Libro de arte coquinaria (1456/67)
und Hinweise auf:
Giovanni Rosselli: Epulario (1516)
Nr. 5Platina (Bartolomeo Sacchi): De honesta voluptate et valetudine (1466/67)
und Hinweise auf:
Hippokrates von Kos (ca. 460–370) und Galen (ca. 129-199)
Nr. 6Ortensio Lando: Commentario delle più notabili, et mostruose cose d’Italia, & altri luoghi (1548)
Nr. 7Cristoforo di Messisbugo: Banchetti, composizioni di vivande e apparecchio generale (1549)
und Hinweise auf:
Cristoforo di Messisbugo: Libro novo nel qual si insegna a far d’ogni sorte di vivanda (1564)
Ruperto da Nola: Libre de doctrina per a ben servir, de tallar y del art de coch (1520)
Nr. 8Domenico Romoli: La Singolare Dottrina (1560)
Nr. 9Bartolomeo Scappi: Opera (1570)
und Hinweise auf:
Cuoco Napoletano (Ende 15. Jh.)
Antonio Camuria: Apparecchi diversi da mangiare et rimedii (1524)
Giovann Battista Rossetti: Dello Scalco (1584)
Andrea Bacci: De naturali vinorum historia (1596)
Nr. 10Bartolomeo Stefani: L'arte di ben cucinare (1662)
Nr. 11Antonio Latini: Lo scalco alla moderna (1692 u. 1694)
und Hinweise auf:
Mattia Giegher: Trattato delle piegature (1629)
Giovanni Battista Crisci: Lucerna de‘Corteggiani (1634)
Nr. 12Anonym: Il cuoco piemontese perfezionato a Parigi (1766)
und Hinweise auf:
François-Pierre de La Varenne: Le cuisinier françois (1651)
Nr. 13Vincenzo Corrado: Il cuoco galante (1773)
und Hinweise auf:
Antonio Cocchi: Del vitto pitagorico per uso della medicina (1757)
Nr. 14Francesco Leonardi: L'Apicio moderno (1790)
und Hinweise auf:
Antonio Nebbia: Il cuoco maceratese (1779)
Nr. 15Ippolito Cavalcanti: Cucina teorico-pratica (1837)
Nr. 16Pellegrino Artusi: La scienza in cucina e l'arte di mangiar bene (1891)
und Hinweise auf:
Giovanni Vialadri: Trattato di cucina, Pasticceria moderna, Credenza e relativa Confettureria (1854)
Giovanni Vialadri: Cucina Borghese semplice ed economica (1864)
Nr. 17Ada Boni: Il talismano della felicità (1925)
und Hinweise auf:
Giulia Ferraris Tamburini: Come posso mangiar bene (1900)
Petronilla (Amalia Moretti Foggia): Tra i fornelli (1932 ff)
Nr. 18Filippo Tommaso Marinetti: La cucina futurista (1932)
Nr. 19Kochbücher der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
mit Hinweisen auf:
Il cucchiaio d'argento (1950)
Der Silberlöffel (2006)
Il cucchiaio d'argento - Cucina regionale (2008)
Touring Club Italia (Hrsg.): Guida gastronomica d’Italia (1931)
Anna Gossetti della Salda: Le ricette regionali italiane (1967)
Luigi Carnacina u. Luigi Veronelli: La cucina rustica regionale (1974)
Alessandro Molinari Pradelli: Cucina regionale italiana (1999)
Accademia Italiana della Cucina: La Cucina del Bel Paese (2002)
Accademia Italiana della Cucina: La Cucina. Die originale Küche Italiens (2013)
La Repubblica u. TV Sorrisi e Canzoni: Enciclopedia della Cucina Regionale (2008)
Slow Food: Cucina regionale (2010)
Slow Food: L’italia in cucina (2017)

 

Siehe auch unsere Büchertipps zur italienischen Küche.

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. Dieser kurze Blick muss in unserem Zusammenhang tatsächlich sehr kurz (und damit ein wenig vereinfachend) sein. Als etwas mehr Übersicht verschaffende Darstellungen bieten sich zur Einführung z.B. die entsprechenden Artikel zum Futurismus und zu Marinetti in Wikipedia an. (Letzter Zugriff: 26.08.22)
  2. Marinetti: Futuristisches Manifest, in: Le Figaro v. 20.02.1909; ebenso nachfolgende Zitate
  3. Die wichtigsten Manifeste finden sich im italienischen Wikipedia aufgelistet. (Letzter Zugriff: 26.08.22)
  4. Veröffentlicht am 28.12.30 in der turiner Zeitschrift Gazzetta del popolo
  5. Futuristisches Manifest (s.o.). „Das Problem der Reproduktion will Marinetti mit dem „metallisierten Mann“ lösen, der, weiblichen Reizen gegenüber unempfindlich, über die Möglichkeit verfügt, sich selbst zu reproduzieren.“ (Wikipedia)

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