Gourmet-Bibel Italien – Buchrezension

Der Christian Verlag hat in einer Zeit, in der eher andere Küchentrends mit anderen Ernährungsgewohnheiten boomen, im Rahmen einer internationalen Verlagskooperation ein voluminöses neues Buch zur italienischen Küche veröffentlicht. Wir haben hineingeschaut und stellen es vor. Es ist:

 

François-Régis Gaudry & Freunde: Die Gourmet-Bibel Italien. Absolut alles über die italienische Küche, München (Christian) 2022
dt. Erstveröffentlichung, 400 S., zahlreiche F-Abb., 25 x 33,3 cm, ISBN: 978-3-95961-578-5, 70,00 €

 

gourmet-bibel italienUm was geht‘s? Die Verlagsankündigung liest sich so: „Das Standardwerk zur Küche Italiens mit 1.272 Produktporträts, 265 Rezepte [sic!], 300 Essays, 1000 Abbildungen und 159 Autoren. Dieses bibliophile Prunkstück bietet auf 400 Seiten wirklich alles, was man über das kulinarische Universum Italiens wissen muss. Von Affogato bis Zuppa inglese findet sich hier kulinarisches Geheimwissen der Extraklasse!“[1]

Unsere Meinung: Auf den ersten Blick überwiegt Skepsis: „Gourmet-Küche“ klingt nach 5-Sterne-Küche und ist eigentlich nicht identisch mit der von uns bevorzugten authentischen Trattoria-Küche, doch der Titel täuscht glücklicherweise. Aber nicht italienischer Provenienz, sondern von einem französischen Autor und im Original in einem französischen Verlag erschienen? Mag das gutgehen? Dass der Anteil Italiens an der Entwicklung der französischen Küche und Tischsitten (Caterina de‘Medici und die Gabeln!) verschiedentlich relativiert wird, versteht sich ebenso wie die vielen im Text auftauchenden Frankreich-Bezüge, aber darüber können wir hinwegsehen.

Neugierde, die schließlich in den Kauf mündet, entsteht allerdings beim Untertitel: „Absolut alles über die italienische Küche“. Wirklich absolut alles? Geht das überhaupt? Ein genauerer Blick offenbart, dass zumindest wirklich viele Aspekte behandelt werden. So erfahren wir z.B. etwas über 26 verschiedene italienische Hühner-Rassen und über die Unterschiede zwischen Basilikum aus Genua, Neapel und der Toskana usw. Meines Wissens ist die Gourmet-Bibel Italien auch das bislang einzige deutschsprachige Kochbuch, das in Sachen Mehlkunde auch auf den sogenannten W-Wert (der Auskunft über die Backstärke gibt) eingeht – complimenti! Und viele interessante Histörchen werden erzählt, die jedoch behauptend in den Raum gestellt werden und sich mangels Quellennachweisen (es gibt weder belegende Fußnoten noch wenigstens ein Literaturverzeichnis) nicht überprüfen lassen.

Die Gourmet-Bibel Italien behandelt in der Tat vieles – das ist gut, aber zugleich ihr Handicap. Das Buch geht sehr in die Breite (Pinocchio, Fellini und auch Harry Potter dürfen natürlich nicht fehlen) und leider nicht immer in die gewünschte Tiefe. Beispielsweise wird angemerkt, dass das Ragù alla genovese aus Kampanien stammt, aber warum sein Name auf Genua verweist, erfährt man nicht (wohl aber auf unserer Seite). Und dass es eine „weiße“ Sauce ist, ist inhaltlich auch falsch. Das ist vermutlich der Preis, wenn man glaubt, auf 400 Seiten „absolut alles“ behandeln zu können. Aber das Buch enthält natürlich auch viel Spannendes, das man am besten beim Durchblättern entdecken kann. Eine systematische Erschließung ist nämlich kaum möglich, denn eine inhaltliche Struktur des Buchs ist nicht zu erkennen: Das sogenannte Inhaltsverzeichnis hat eher die Funktion, Themenblöcke aufzulisten, deren Beiträge über das ganze Buch verstreut sind. Auch sonst ist es schwierig, etwas Bestimmtes aufzufinden.

gourmet-bibel italienMachen wir also die Probe auf‘s Exempel und suchen nach einem unserer Lieblingsgerichte, dem neapolitanischen 'O rraù. Dafür gibt‘s zwar leider kein Rezept (bei nur 265 Rezepten fehlt verständlicherweise zwangsläufig etwas), doch man findet es im Haupt-Register mit immerhin drei Fundstellen, von denen die Haupt-Seite (S. 388), die den „erklärenden Eintrag“ zum Begriff enthalten soll, allerdings ins Leere führt, denn dort befindet sich das Register selbst… Über das Rezept-Register, das leider nicht durchgängig alphabetisch sortiert ist, sondern in Sachgruppen unterteilt ist, wäre unser 'O rraù vermutlich in der Gruppe „Ragù und Saucen“ auffindbar (wenn das Buch denn das Rezept enthielte), doch ganz sicher ist das auch nicht, denn das veröffentlichte Rezept für Ragù di cinghiale erscheint aus unerklärlichen Gründen nicht in der Gruppe „Ragù und Saucen“ (wo es hingehört), sondern unter „Fleisch und Eier“.

Überhaupt ist es mit der Auffindbarkeit so eine Sache: Im Prinzip sehr löblich ist das Verzeichnis der regionalen Spezialitäten, das nach Regionen geordnet ist. Doch statt den Spezialitäten Seitenzahlen zuzuordnen, um ihre Auffindbarkeit zu erleichtern, finden sich dort nur Titel von einzelnen Beiträgen (ohne Seitenangaben), innerhalb derer die jeweilige Spezialität behandelt wurde. Im Falles unseres 'O rraù ist dies der Begriff Ragù bolognese. Also müssen wir erst einmal nach diesem Artikel suchen. Im Register gibt es kein Ragù bolognese, doch immerhin den Eintrag Ragù, wo wir auf die nächste Umleitung treffen, nämlich auf den Verweis auf den Eintrag Pasta al ragù, wo uns 29 Fundstellen angeboten werden, die wir nun der Reihe nach aufschlagen und durchsuchen dürfen. Warum um Himmelswillen solch eine Schnitzeljagd, wenn es doch mit einer Seitenzahl statt eines Beitragtitels viel einfacher wäre?

Mehr Einfachheit wäre auch beim Layout der Gourmet-Bibel Italien wünschenswert, das gestalterisch eine Katastrophe ist. OK: die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, doch Grafik Design ist ein Studienfach, in dem u.a. gelehrt wird, dass das Design die Konzentration auf den Inhalt unterstützen und nicht von diesem ablenken soll. Hier aber erinnern ständig wechselnde Schriftarten, die auch noch in kursiven und fetten Varianten wild gemischt werden, an einen Siebtklässler, der zum Geburtstag eine CD mit zig verschiedenen Fonts geschenkt bekommen hat und nun alles ausprobieren möchte. Rezepte werden im Buch – sinnvollerweise – gestalterisch durch Rahmen abgegrenzt, aber warum müssen es mindestens vier verschiedene Rahmenformen sein, die dafür scheinbar ohne erkennbares System je nach Gusto benutzt werden? Die Buchgestaltung ist meilenweit von Winkelmann Credo „edler Einfalt und stiller Größe“ entfernt, selbst die Typographie eines Typo-Rebellen wie Neville Brody mutet noch wie die eines Chorknaben an. Jede Seite scheint ein eigenes Layout zu haben, und das macht das Buch äußerst unruhig. Etwas wild ist auch die Bildauswahl: Überwiegend gelungene, schöne Fotos werden mit teils naturalistischen Schwarzweiß-Zeichnungen und solchen im bunten, wilden Comic-Stil gemischt. Schade, dass ein Buch, in dem es sich wirklich zu blättern lohnt, so nach einer halben Stunde des Lesens Kopfschmerzen bewirkt. Halsschmerzen könnten hinzukommen, wenn man z.B. den Käse-Artikel liest, denn der ist über zwei Seiten quer gedruckt, so dass man den Kopf verrenken muss. Weshalb man es bei einem ohnehin großformatigen Buch nicht schafft, Inhalte so anzuordnen, dass solche Verrenkungen unnötig sind, ist unverständlich. Unverständlich scheinen den Übersetzern auch einige italienische Begriffe geblieben zu sein, etwa wenn z.B. eine Überschrift „Typische Teller“ lautet – gemeint sind vermutlich piatti tipci, und da ist piatto eben nicht mit Teller, sondern mit Gericht zu übersetzen.

Fazit: Die Gourmet-Bibel Italien ist zweifellos ein ambitioniertes Projekt mit hohem Anspruch („absolut alles über“). Sich auf ein solches eingelassen zu haben, ist den beteiligten Verlagen in einer Zeit, in der die italienische Küche nicht gerade höchste Popularität genießt, hoch anzurechnen. Und das Ergebnis ist auch durchaus spannend, denn wir erfahren viel Interessantes, das jedoch oft nur angerissen und nie belegt wird. Die Gebrauchstauglichkeit ist zudem eingeschränkt durch ein zu lautes Design und die beschränkte Auffindbarkeit von Inhalten. Weshalb man bei einer dreijährigen Entstehungszeit und 159 beteiligten Autoren nicht jemand damit beauftragt hat, das Verzeichnis regionaler Spezialitäten mit Seitenzahlen auszustatten (geschätzter Arbeitsaufwand: ein Arbeitstag), ist nicht nachvollziehbar. Auch ins Leere laufende Seitenverweise und falsche Übersetzungen sind unschön und hätten durch ein sorgfältigeres Redigieren vermieden werden können. Insofern leider nur eine eingeschränkte Kaufempfehlung.

 

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. https://verlagshaus24.de/die-gourmet-bibel-italien. Dort ist auch eine Buchvorschau möglich. (Letzter Zugriff: 01.04.22)

2 Gedanken zu “Gourmet-Bibel Italien – Buchrezension

  • 5. April 2022 um 15:45
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    Ganz toll Artikel.
    Danke, ich wollte das Buch kaufen, ich glaube , das eine Woche drüber schlafen, empfehlen werd ist.
    Gruß

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    • 5. April 2022 um 15:52
      Permalink

      Nicht missverstehen: Ich wollte nicht abraten, sondern nur die Erwartung dämpfen.
      LG Matta

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