Ist authentisch italienisch Kochen politisch rechts?

Diese Frage wird zur Zeit in Italien heiß diskutiert. Und uns interessiert sie auch, ist doch die authentisch italienische Küche genau die, der wir uns verschrieben haben, was wir an anderer Stelle ausführlich begründet haben. Deshalb berichten wir über die Hintergründe der Debatte.

 

politisch

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Wie in anderen Ländern auch, sind Kochsendungen im Fernsehen seit einiger Zeit in Italien sehr en vogue. Eine davon heißt La prova del cuoco (dt.: Die Prüfung des Kochs) und läuft montags bis freitags täglich zur Mittagszeit im ersten Programm des staatlichen Fernsehens RAI. Und nun (Ende Oktober 2018) hat Vittorio Castellani, ein unter dem Pseudonym Chef Kumalé bekannter italienischer Koch, die Mitarbeit bei der Sendung aufgekündigt. Den letzten Anstoß gab das Ansinnen der Fernsehmacher, er möge eine Parmigiana mit Dill zubereiten, doch die eigentliche Begründung ist eine politische und zielt weit darüber hinaus: Die Redaktion der Sendung habe ihm gesagt, man bevorzuge eher Beiträge, die die verschiedenen kulinarischen Regionen Italiens zum Ausdruck brächten statt multikulturelle Küche.[1] Castellani, der ein anerkannter Experte für verschiedene Ethno-Küchen ist,[2] wirft den Programmmachern daüberhinaus nationalistische Tendenzen vor: Nachdem die derzeit maßgeblich an der Regierung beteiligte rechtspopulistisch-nationalistische Partei Lega den Slogan Prima gli Italiani (dt.: Die Italiener zuerst) ausgerufen habe, gehe es nunmehr in der Küche wohl um das Prinzip Solo gli Italiani (dt.: Nur die Italiener). Das Pikante dabei ist, dass die Leitung der Sendung im September eine gewisse Elisa Isoardi übertragen bekam – und die ist zufälligerweise die Verlobte von Mario Salvini, derzeit stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister Italiens sowie Parteivorsitzender der Lega.

 

Der Ausstieg Castellanis stieß auf ein ziemliches Medien-Echo, wobei die RAI die erhobenen Vorwürfe zurückwies und vorrechnete, welche verschiedenen Etho-Küchen man in der letzten Zeit bedient habe, und führte als Beispiel eine Parmigiana di melanzane an, die mit Uramaki, einer japanischen Sushi-Variante, kombiniert wurde. Politisch korrekt also …

 

Wer hat nun Recht? Wir wissen es nicht. Doch wir fragen uns, ob wir uns bisher mit unserer Begeisterung für die traditionelle italienische Küche unwissentlich in ein rechtspopulistisch-nationalistisches Milieu begeben haben, zu dem wir uns nicht zugehörig fühlen. Wenn wir unsere Webseiten in Anlehnung an die Farben der italienischen Nationalflagge gestalteten, Gerichte wie Bandiera vorstellten – war das nationalistische Propaganda?

 

Schauen wir zunächst, was es mit dem Nationalismus in Italien auf sich hat. In meiner eigenen, subjektiven Wahrnehmung habe ich Italien nie als politisch nationalistisch empfunden. Die italienische Flagge schien mir eher das Zeichen eines Staats bzw. Volks zu sein, das es (im Gegensatz zu uns Deutschen) wenigstens teilweise geschafft hat, sich vom Faschismus selbst zu befreien. Jedenfalls gab es eine breite Resistenza, während es in Deutschland kaum eine Widerstandsbewegung gab. Italien feiert seit eh und je am 25. April[3] seinen Tag der Befreiung. Und wir? Von Weizsäckers Rede 1985 „Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ enthielt den vorsichtigen Versuch, die damaligen Geschehnisse nicht als Niederlage sondern als Befreiung zu sehen, doch der folgende Protest machte deutlich, dass das Land hierüber sehr zerstritten war. Dass der 8. April als Tag der Befreiung auch heute nicht feiertagswürdig erscheint, haben die Diskussionen um die Einführung eines neuen Feiertags in den norddeutschen Bundesländer gerade deutlich gemacht. Sympathisch war mir das politische Italien auch, weil die Bürgerinnen und Bürger in zwei Volksabstimmungen 1987 und 2011 gegen die Nutzung der Atomenergie stimmten. Natürlich gibt es auch eine andere Seite, die des Tangentopoli, des Bunga-bunga-Ministerpräsidenten, von der organisierten Kriminalität ganz zu schweigen, und bei Parlamentswahlen sind die ultrarechten Parteien viel zu oft auf über 5 % der Stimmen gekommen. Aber Nationalismus schien bislang kein besonderes Problem. Eher: Italien, ein Land, das Stärken und Schwächen hat.

 

Nun hat sich die Situation insofern ein wenig geändert, als seit Juni 2018 eine Koalition aus dem linkspopulistischen Movimento 5 stelle und der rechtspopulistisch-nationalistischenen Lega das Land regiert. Aber gerät damit jetzt das Pizza-Backen in Verdacht, eine Sympathiebekundung für nationalistische Positionen darzustellen? Und wer weiße Pasta mit roter Tomatensauce und grünem Basilikum isst, der outet sich als Lega-Anhänger? Das scheint mir reichlich überzogen, zumal gerade die Lega aufgrund ihrer anti-zentralstaatlichen, teilweise auch sezessionistischen Haltung mit der Staatsflagge, der Tricolore, eher Probleme hat.[4] Und wenn denn tatsächlich die Redaktion von La prova del cuoco für eine stärkere Berücksichtigung der italienischen Regionalküchen in der Kochsendung plädiert hätte, erschiene mir dies nicht gerade nationalistisch. Nationalistisch wäre doch eher, die Köche zum Lob der cucina nazionale anzuhalten, also der Gerichte, die landauf, landab in ganz Italien auf den Tisch kommen, denn die Regionalküchen sind ja im Gegenteil Ausdruck der Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit. Auch das Verhalten Castellanis ist im vorliegenden Fall nicht ganz durchschaubar. Castellani, der zeitgeistig-cool unter dem etwas aufgestylten Pseudonym Chef ‚Wie geht’s‘[5] auftritt, hat merkwürdigerweise seinen Facebook-Beitrag, in dem er seine Vorwürfe äußerte, erstmal einen Tag später gelöscht.[6] Klar, er steht nach wie vor zu dessen Inhalt (sonst würde er sich ja auch dem Gespött preisgeben), aber warum löscht er dann…?

 

Das Problem scheint mir eher ein anderes zu sein. Zur Zeit erleben wir, wie in der westlichen Welt tatsächlich Nationalismen modern werden, denken wir an den Brexit, an Trumps America first, und nun auch noch an Prima gli Italiani. Das ist nicht schön, nein, es ist sogar gefährlich. Gefährlich, weil die Probleme der Welt nicht durch nationalistische Alleingänge gelöst werden, sondern allenfalls durch ein multilateralistisch strukturiertes Völkerrecht. Frieden, gesicherte Ernährung und Beendigung der fortschreitenden Umweltzerstörung sind zu kostbare Ziele, als dass sie von eigenen nationalstaatlichen Zielen überlagert werden dürfen. Die Frage ist nur, ob man eine solche politische Absichtserklärung dadurch verdeutlichen kann, indem man Sushi auf die Pizza legt oder eine Parmigiana mit Uramaki kreuzt, wie es die Redaktion von La prova del cuoco zu glauben scheint. Crossover-Küche ist ja im Moment recht beliebt, und wer’s mag, der soll es essen, doch ich halte diesen Trend weder für kulinarisch wünschenswert (weil gewachsene Traditionen des schnellen Effekts wegen ignoriert und der Beliebigkeit anheim gegeben werden) noch für den richtigen Weg, politische Botschaften zu transportieren. Und dies gilt nicht nur für die Crossover-Küche, sondern auch für Versuche, durch den wahllosen (sozusagen ungecrossten) Verzehr von Gerichten aus beliebigen Küchen der Welt die (legitime) Forderung der Länder der Dritten Welt nach Teilhabe am weltweiten Wohlstand zu unterstützen. Die zur hohlen Phrase verkommene Forderung „Fluchtursachen bekämpfen!“ müssen wir politisch durchsetzen – und dazu müssen wir bereit sein, von unserem Wohlstand abzugeben. Ob wir dies tun, indem wir uns argentinisches Rindfleisch und Flug-Mangos auf den Teller legen oder relativ wahllos Gerichte aus verschiedensten Teilen der Welt zusammentragen, bezweifele ich …

 

Vor diesem Hintergrund erlauben wir uns, auch weiterhin authentisch italienisch zu kochen, und bitten, dies nicht als politisches Statement misszuverstehen. Italienische Küche ist einfach lecker. 🙂

 

PS: Auch dieser Beitrag darf natürlich – auch kontrovers – kommentiert werden …

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. Vittorio Castellani auf Facebook: „Mi hanno detto che la trasmissione preferisce dare spazio al multiregionalismo italiano piuttosto che al multiculturalismo a tavola“, Quelle: La Repubblica v. 29.10.2018 (Letzter Zugriff: 02.11.2018)
  2. Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Vittorio_Castellani#Pubblicazioni (Letzter Zugriff: 02.11.2018)
  3. Allerdings ist der 25. April auch der Tag, in dem im Jahre 1969 auf dem FIAT-Stand auf der Mailänder Messe eine von Neofaschisten gelegte Bombe explodierte – und die Polizei in Gestalt des Commissario Luigi Calabresi die Täter mal wieder im linken, anarchistischen Lager suchte … Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Bombe_del_25_aprile_1969 (Letzter Zugriff: 02.11.2018)
  4. Vom Ex-Parteivorsitzenden Bossi wird berichtet, er habe einer die italienische Fahne schwenkenden Frau auf einer Veranstaltung zugerufen „Il tricolore, signora, lo metta al cesso!“ (dt.: Die Trikolore, meine Dame, schmeißen Sie sie ins Klo) – vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lega_Nord#Sonstige_%C3%84u%C3%9Ferungen (Letzter Zugriff: 02.11.2018)
  5. Der Name des Chef Kumalè ist zusammengezogen aus cuma l’è, und das ist piemontesischer Dialekt und heißt auf Hochitalienisch come va (dt.: wie geht’s). Das K zu Beginn des Wortes ist orthographisch der derzeitigen Jugendsprache nachempfunden. Warum ein 56jähriger sich aber nun auf diesem sprachlichen Wege zu verjüngen versucht, entzieht sich meiner Kenntnis.
  6. Der gelöschte Beitrag ist noch nachlesbar im oben genannten Artikel der Repubblica.

2 Gedanken zu “Ist authentisch italienisch Kochen politisch rechts?

  • 5. November 2018 um 9:14
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    Ich bin Österreicherin aber sehr italophil. Mir gefällt es so in Italien, dass es in jeder Region, ja sogar in verschiedenen Ortschaften unterschiedlichste Gerichte gibt (eh klar – allein durch die Geographie und differente klimatische Verhältnisse gegeben). Ich empfinde das immer als Stärke der Italiener, die eigenen Besonderheiten, Traditionen, Geschmäcker zu kennen und auch zu pflegen, das „Typische“. Nicht umsonst kommt auch Slow Food aus Italien und hat sich ja auch diesen Besonderheiten der regionalen Küche verschrieben.
    Es ist ja ganz nett, auch andere „Küchen“ kennenzulernen, aber prinzipiell geht es um regional, saisonal und frisch – nur so können unsere Bauern und auch unsere Kultur und Traditionen überleben; in Italien und auch in anderen Ländern.
    Viva l’Italia – es ist so ein begnadetes Land: es gibt alles, Berge, Seen, das Meer, vom Apfel bis zur Feige, verschiedene klimatische Zonen – schätzt das ordentlich und bleibt bei Euren Wurzeln. Genau darum „beneiden“ wir auch doch, im Land, in dem die Zitronen blühen……

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