Kaktusfeigen

Kaktusfeigen erscheinen vielleicht auf den ersten Blick als Lebensmittel ein wenig fragwürdig zu sein. Hübsch anzusehen, das sind Kakteen. Aber so etwas Stacheliges soll essbar, möglichst sogar lecker sein? Ja, man kann sie essen. Und sie sind so lecker, dass sie sogar zum Verzehr angebaut werden.

 

Kaktusfeigen
Kaktusfeigen bei Roccadaspide (SA)

 

Kakteen stehen nicht nur einfach zufällig in der Landschaft herum, zwingen bei Fußwegen zu Ausweichmanövern und taugen allenfalls als eine Art natürliche Grundstücksabgrenzung. Nein, sie werden auch bewusst angebaut, und diesbezüglich steht Italien unter den Top-Weltproduzenten auf dem zweiten Platz! Bis zu 90.000 t Früchte werden jährlich in Italien geerntet.[1]. Davon wiederum werden 96 % auf Sizilien angebaut.[2] Insofern verwundert nicht, dass die Kaktusfeigen als PAT-Produkt der Region Sizilien eingetragen sind. Die Kaktusfeigen aus San Cono (CT) sowie die um den Ätna herum angebauten haben sogar den begehrten DOP-Staus zugesprochen bekommen.

 

kaktusfeigen
Kakteen-Anbau auf Sizilien bei Piazza Armerina (EN)

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Attribution: Di Jos Dielis (Cactus field) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], attraverso Wikimedia Commons

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Was also sind Kaktusfeigen? Es sind die Früchte einer bestimmten Kakteen-Art (Opuntia ficus-indica), die ihrerseits verschiedene Unterarten aufweist, was die verschiedene Färbung der Früchte erklärt. Von Grün über Gelb und Orange bis Rot reicht das Farbspektrum, die ganz roten werden übrigens sanguina genannt. Auf Italienisch werden die Früchte mit dem Sammelnamen Fichi d’india, also indische Feigen bezeichnet. Die in dem Namen enthaltene Herkunftsbezeichnung ist eher historisch zu verstehen: Die zu Beginn des 16. Jahrhundert importierten Pflanzen kamen aus Südamerika (vermutlich aus Mexiko), und so wie die dortigen Ureinwohner Indianer genannt wurden (weil man sich fälschlicherweise in Indien wähnte), erging es auch den Kakteen. Die Pflanzen zeichnen sich durch einen hohen Wärmebedarf aus, so dass sie nur im Süden Italiens wachsen können. Die Früchte sind reich an Vitamin C, weshalb sie früher auf langen Seereisen als Mittel gegen Skorbut mitgeführt wurden. Außerdem wirken sie harntreibend und haben eine oxydationshemmende Wirkung.

 

schildlauszucht
Cochenilleschildlauszucht in Mexiko

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Ein besonderer Anreiz zum Kakteenanbau war früher der Umstand, dass eine bestimmte Kakteenart, eben die Gattung Opuntia, der Wirt für eine bestimmte Insektenart ist, nämlich die Cochenilleschildlaus. Aus deren weiblichen Exemplaren lässt sich der intensiv-rote Farbstoff Karmin gewinnen. Mangels anderer geeigneter Färbemittel wurden das Färben mit diesen Schildläusen in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa sehr populär. Noch heute wird der Farbstoff Karmin auf diese Weise in Südamerika gewonnen, doch Versuche, die Tiere in Italien auf Kakteen anzusiedeln, erwiesen sich als unergiebig, da selbst süditalienisches Wetter noch zu feucht für eine ökonomisch profitable Zucht ist. Allerdings wird auf den Kanaren noch heute Karmin mit Cochenilleschildläusen gewonnen. Da es nicht giftig ist, wird – unabhängig vom Ort der Produktion – so hergestelltes Karmin auch heute noch als Kosmetik- oder Lebensmittelfarbe benutzt. Im Lebensmittelbereich ist übrigens E120 das entsprechende Kürze.

 

brueghel
Pieter Brueghel d.Ä.:
Schlaraffenland
1567; 52 x 78 cm; München (Alte Pinakothek)

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Und damit sind wir wieder beim Kulinarischen. Kaktusfeigen sind lecker, hatte ich eingangs behauptet, und dieser Meinung war auch Pieter Brueghel d.Ä., der sie auf seinem Bild Schlaraffenland (am rechten Bildrand) gewürdigt hat. Wie also kann man die Kaktusfeigen genießen? Zunächst einmal kann man sie natürlich einfach so (geschält) essen. Genauer gesagt isst man die Früchte, die auf den Blättern wachsen und ein süßliches, kompaktes Fruchtfleisch besitzen. Eine ganz einfache Zubereitung ist z.B. Fichi d’india al marsala, bei der eiskaltes Fruchtfleisch mit ein wenig Marsala begossen wird. Dabei isst man die in den Früchten enthaltenen vielen kleinen Kerne mit. Und damit sind wir beim Problem: Die Kerne schmecken zwar nach nichts, sind aber doch etwas gewöhnungsbedürftig. Insofern ist zu verstehen, dass von Kaktusfeigen meist der Mus oder allenfalls noch die Schale genutzt werden, denn um die Kerne zu entfernen, gibt man das Fruchtfleich meist in die Passiermühle, aus der man dann eben Mus erhält. Daraus wird dann gerne Most (Mostarda di fichi d’india) oder Konfitüre (Confettura di fichi d’india) hergestellt. Doch man kann den Mus auch als Belag für eine Crostata ai fichi d’india (Mürbeteig-Kuchen) nutzen. Im Bereich der Dolci werden die Früchte bzw. der Mus auch für Eis (Gelato ai fichi d’india) oder Gelee (Gelo di fichi d’india) genutzt. Salzige Gerichte gibt es nur wenige, was nicht unbedingt an der Süße der Früchte liegt, sondern an deren Konsistenz, denn salzige Gerichte, die Platz für ein süßes Mus bieten, gibt es wenige. Ein tolles Gericht habe ich aber gefunden, und das auszuprobieren lohnt sich wirklich: das Risotto ai fichi d’india. Aufgrund der Kerne im Fruchtfleisch wird bei anderen salzigen Gerichten anstelle des Fruchtfleischs gern die Schale verarbeitet, etwa bei der Frittata ai fichi d’india (Omelett) oder auch den Fichi d’india con le cipolle rosse (mit roten Zwiebeln). Dabei stößt man dann aber wieder auf ein neues Problem: Die Oberfläche der Früchte kann leicht noch feine Stacheln aufweisen, wie ich selbst bei meinen Versuchen zum Thema Kaktusfeigen schmerzlich feststellen musste. Deshalb rate ich dringend, beim Bearbeiten der Früchte diese möglichst nicht anzufassen und sie mit einer Gabel zu fixieren oder (noch besser) die Früchte mit Gummihandschuhen anzufassen. Und aufgrund dieser kleinen verbliebenen Stacheln kann ich mir nicht so recht vorstellen, die Schale zu verarbeiten und die oben genannten Gerichte auszuprobieren. Vielleicht werden diese kleinen Stacheln ja durch das Kochen zu harmlosen Härchen? Diese Bedenken sollten allerdings nicht vom Probieren der Früchte abhalten – sofern man nicht gerade ein Rezept, bei dem die Schale verwertet wird, zubereiten will, sollte man Kaktusfeigen einmal probieren. Ab September findet man sie auch in Deutschland in gut sortierten Obstgeschäften.

 

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. In den Jahren 1999-2010, vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Opuntia_ficus-indica (Letzter Zugriff: 28.08.18)
  2. Bezogen auf die Anbaufläche, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Opuntia_ficus-indica (Letzter Zugriff: 28.08.18)