Linsen aus Castelluccio

Die leckersten Linsen Italiens kommen aus einem kleinen Dorf namens Castelluccio in den Monti Sibillini. Linsen aus Castelluccio sind so lecker, dass sie eine genauere Betrachtung verdient haben.

 

Linsen aus Castelluccio
Piano grande nach Nordosten mit Castelluccio (hinten links) und Monte Vettore (hinten rechts)
(Klick auf Bild öffnet größere Abbildung)

 

Castelluccio ist ein kleines Dorf mit unter 100 Einwohnern[1] am Rande der Hochebene, des Piano grande, das auf 1452 m Höhe liegt und eingebettet wird von den Bergen der Monti Sibillini, darunter der 2478 m hohe Monte Vettore. Die Hochebene ist Teil des Nationalparks der Monti Sibillini, der schon als solches eine Reise wert ist. Doch nicht nur die Schönheit der Natur und die dort anzutreffende Ruhe machen Castelluccio zu einem Top-Reiseziel, sondern vor allem aus kulinarischen Gründen sollte man Castelluccio besuchen, denn von dort kommen die besten Linsen Italiens. Kulinarisch bedeutsam ist zudem, dass Castelluccio verwaltungstechnisch zur Stadt Norcia in Umbrien gehört, wo angeblich die besten Wurstwaren Italiens gefertigt und zudem schwarze Trüffel gefunden werden. Castelluccio und Norcia sind somit kulinarisch sehr lohnenswerte Reiseziele.

 

Linsen aus Castelluccio
Castelluccio

 

Aber was macht denn nun die Qualität der Linsen aus Castelluccio aus? Linsen, als Hülsenfrucht schon in der Antike geschätzt, sind ja schon im allgemeinen sehr gesund aufgrund der hohen Eiweiß- und Eisen-, aber auch Kalium-, Magnesium- und Zink-Anteile (und der niedigen Fett-Werte), gelten als bluthochdrucksenkend und Darmkrebs sowie Parkinson vermeidend, doch die aus Castelluccio haben noch andere Vorteile. Zunächst sind Linsen aus Castelluccio sehr klein und zart und haben nur eine dünne, weiche Schale. Deshalb kocht man die Linsen aus Castelluccio ohne vorheriges Einweichen sofort (nach 30 bis 45 Minuten sind sie gar), während man andere Linsen[2] vor dem Kochen erst stundenlang zum Weichen ins Wasser legen muss. Und unter produktionstechnischen Gesichtspunkten sind die Linsen aus Castelluccio aufgrund ihres hohen Standorts ziemlich resistent gegen Kälte und Hitze sowie auch gegen Schädlinge wie Raupen, Käfer und Würmer, weshalb sie ohne Insektizide und angblich auch ohne Unkrautvernichtungsmittel produziert werden. Das macht sie schon ein bisschen „bio“, doch auch die Beachtung einer strikten Fruchtfolge[3] oder die Beweidung durch Schafe und Rinder tragen zu einer natürlichen, ökologischen Produktionsweise bei. Vor allem aber ist der intensive Geschmack zu loben, angesichts dessen es nicht wundert, dass die Linsen bei Feinschmeckern begehrt sind und oft nur mit wenigen Zutaten zubereitet werden, damit ihr Geschmack nicht überdeckt wird und sie ihr ganzes Aroma entfalten können. Beispielsweise werden zur Zubereitung der Lenticchie alla castellucciana als weitere Zutaten lediglich Staudensellerie, Knoblauch, Öl und Salz empfohlen. Die geringe Größe ist übrigens das einzige gemeinsame äußerliche Merkmal der Linsen aus Castelluccio, denn farblich variieren sie von grün, gelb und braun bis gesprenkelt.

 

Linsen aus Castelluccio
Linsen aus Castelluccio

 

Aufgrund dieser Eigenschaften sind die Linsen aus Castelluccio – wissenschaftlich Lens culinaris, auf Italienisch lenticchia, produktionstechnisch lenticchia di Castelluccio di Norcia Parco 3A und von den Einheimischen schlicht lénta genannt – als einzige Linsen Italiens mit dem IGP-Siegel ausgezeichnet. Die Hochebene von Castelluccio liegt im Südosten der Region Umbriens, doch auch Linsen aus der Nachbarprovinz Macerata in der Region Marken dürfen das Siegel tragen und unter dem Namen Lenticchia di Castelluccio di Norcia vermarktet werden[4]. In Italien gibt es noch einige andere Linsen-Anbaugebiete[5], die zum Teil auch von der Slow Food Stiftung als Presidi (von Singular presidio ≈ Schutz) unterstützt werden: Das sind Projekte von Slow Food, mit denen u.a. einheimische Pflanzensorten und Nutztierrassen sowie traditionelles Lebensmittelhandwerk bewahrt und geschützt werden sollen. Die Bauern von Castelluccio habe eine solche Unterstützung jedoch nicht nötig, denn sie haben sich bereits in zwei Kooperativen (die Cooperativa della Lenticchia di Castelluccio di Norcia und die Cooperativa agricola Castelluccio di Norcia) zusammengeschlossen, an die die Erzeuger[6] die Linsen liefern und die dann die Vermarktung des hochwertigen Nischenprodukts übernehmen.

 

Linsen aus Castelluccio
Piano grande von Castelluccio nach Südwesten

 

Was macht man nun mit Linsen aus Castelluccio? Typisch ist natürlich die Nutzung als Zutat für Suppen. Aber auch als Gemüsebeilage werden die Linsen geschätzt. Oft werden sie wie in unserem obigen Rezept Lenticchie alla castellucciana sehr einfach zubereitet, manchmal auch opulenter wie z.B. als Lenticchie in umido con pomodori. Beliebt sind auch Kombinationen mit Fleisch- und Wurstwaren, etwa mit pancetta oder salsicce.

 

So unterschiedlich die Rezepte auch sein mögen – einheitlich ist jedenfalls ein Anlass, zu dem Linsen in Italien gegessen werden, nämlich an Neujahr. Wie ich in einem Beitrag zu Weihnachten und Jahreswechsel in Italien schon geschrieben habe, symbolisieren die kleinen Linsen Geldmünzen. Und um den Reichtum im nächsten Jahr zu fördern, isst man in Italien an Neujahr traditionsgemäß Linsen. Eine nette Tradition, finde ich.

 

Linsen aus Castelluccio

 

Linsen sind einjährige Pflanzen, und die aus Castelluccio bleiben relativ niedrig. Ende März / Anfang April ist nach der Schneeschmelze dort die Aussaat, Ende Mai / Anfang Juni beginnt die Blüte, die Ernte erfolgt im August, dann wird getrocknet und im September folgt schließlich das Dreschen. Doch nicht nur Linsen blühen auf der Hochebene von Castelluccio, sondern auch Affodill, Enzian, Klee, Kornblumen, Margeriten, Mohn, Narzissen, Ranunkeln, Raps, Sauerklee, Veilchen und viele andere. Von Ende Mai bis Anfang Juli ist die beste Reisezeit, denn dann entfaltet sich bei der Fioritura genannten Blüte ein Farbspektakel sondergleichen (wie meine ziemlich am Ende der Saison, an einem 10. Juli, geschossenen Fotos belegen). Wie es momentan in Castelluccio aussieht, zeigt die örtliche Webcam.

 

Linsen aus Castelluccio

 

Ich hoffe, ich habe zeigen können, dass Linsen aus Castelluccio etwas Besonderes sind und deshalb bei Linsengerichten nur diese auf den Tisch kommen sollten! Während man die Wurstwaren und Trüffel aus Norcia nicht unbedingt vor Ort kaufen muss, da sie auch exportiert werden, muss man sich, um Linsen aus Castelluccio erstehen zu können, eigentlich vor Ort begeben, denn die geringe Produktionsmenge um Hundert Tonnen pro Jahr [7] bringt es mit sich, dass die Linsen auch in Italien schwer zu bekommen sind und ins Ausland eigentlich nur über Internet-Vermarktung (mit hohen Versandkosten und manchmal hohen Mindestabnahmemengen) gelangen. Dies wiederum beeinflusst den Preis, der mit 9 bis 15 € pro kg (je nach Verkaufsweg) nicht gerade niedrig, aber durchaus angemessen ist, denn hinsichtlich des Preises ist neben der geringen Anbaumenge und der Qualität der Linsen auch zu bedenken, dass diese sehr klein sind und der Anteil von Handarbeit angeblich relativ hoch ist. Vor allem sollte man auch aufpassen, dass man tatsächlich Linsen aus Castelluccio erhält. Eine sichere Bezugsadresse ist die Firma Bremerwein, die nicht nur Weine sondern auch kulinarische Spezialitäten aus Italien über das Internet vertreibt, darunter die begehrten Linsen aus Castelluccio. Angebote wie die der Firmen Bosfood, Deli-Vinos, FeinkostPro, Geniesserdepot, Guormet-Versand, Kingfoodshop und Rink-Versand [8] sollte man hingegen skeptisch beäugen. Diese verkaufen zwar Bartolini-Linsen aus Umbrien (vielleicht aus dem Anbaugebiet Annifo / Colfiorito, zwei zu Foligno (PG) gehörenden Ortsteilen), aber wohl kaum welche aus Castelluccio. Dies wird in den Werbetexten auch nicht explizit behauptet, aber auf die eine odere andere Art wird der Eindruck erweckt, es handele sich um Linsen aus Castelluccio. So wird entweder der Begriff „Castelluccio“ im Kontext der Benennung des Angebots verwendet, oder aber es wird der Linsenanbau in Castelluccio beschrieben, ohne ausdrücklich zu vermerken, dass die angebotenen Bartolini-Linsen eben nicht aus Castelluccio stammen. Während der italienische Hersteller bzw. Vertrieb Bartolini die Linsen noch korrekt mit „umbrische Linsen“ auszeichnet, bekommen sie simsalabim beim deutschen Online-Händler „Castelluccio-Aroma“. Ist das nun ein peinlicher Irrtum, ein absichlicher Betrug oder eine legitime Verkaufshilfe in Zeiten des Neoliberalismus?

 

Linsen aus Castelluccio

 

 

Hier alle Linsenrezepte auf A-I-K.de.

 

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. Zwar waren 2008 nur noch 8 Einwohner mit Hauptwohnsitz dort gemeldet (vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Castelluccio_%28Norcia%29), doch in der wärmeren Jahreszeit ist das Dorf doch relativ belebt und bietet verschiedene touristische Attraktionen. (Letzter Zugriff: 28.11.2015)
  2. Über andere Linsensorten informiert z.B. https://www.linsenvergnuegen.de/ueber-linsen/linsensorten/ (Letzter Zugriff: 15.12.2015)
  3. Für Details der vorgegebenen Fruchtfolgen vgl. http://www.castellucciodinorcia.it/download/agricola%20castelluccio.zip (Letzter Zugriff: 28.11.2015)
  4. Zur genauen Definition des Anbaugebiets vgl. http://www.castellucciodinorcia.it/download/agricola%20castelluccio.zip. (Letzter Zugriff: 28.11.2015)
  5. Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Lens_culinaris#Principali_variet.C3.A0_coltivate (Letzter Zugriff: 28.11.2015)
  6. Alle Erzeuger sind in dieser Liste (Letzter Zugriff: 28.11.2015) verzeichnet.
  7. Die pro Jahr genau geerntete Menge ist nicht ganz klar: Einerseits ist von unter 1000 Doppelzentner („meno di mille quintali“, also < 1 t) die Rede (vgl.http://www.laboutiquedelgusto.it/prodotti_dettagli.asp?prodotto=Lenticchie_di_Castelluccio_di_Norcia_IGP_kg.1&id=290&idCategoria=69&idSottocategoria= ; Letzter Zugriff: 28.11.2015, wohl seit Juni 2016 nicht mehr online), andererseits ist von "2000 Doppelzentner Linsen" (= 2 t) zu lesen (Davide Paolini: Prodotti italiani, München 2000, S. 148)
  8. Letzter Zugriff auf vorstehende Seiten: 12.01.2016

5 Gedanken zu “Linsen aus Castelluccio

    • 7. November 2016 um 19:16
      Permalink

      Dem Appell kann ich mich nur anschließen! (Wenngleich ich aufgrund meiner guten Erfahrungen hinsichtlich des Bezugs von Linsen weiterhin auf die Fa. Bremerwein setze.) Alles Gute den Bewohner von Castelluccio. Wir freuen uns, dass dort keinen Toten zu beklagen sind und drücken die Daumen für einen baldigen Wiederaufbau. Und aus gegebenem Anlass möchte ich auch auf eine Seite der Caritas hinweisen, die für den Fall, dass man etwas spenden möchte, Kontoverbindungen enthält.

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  • 22. Dezember 2017 um 14:57
    Permalink

    Liebe Leser dieser Seite, das Erdbeben und die Folgen danach haben die Menschen in diesem Dorf schwer getroffen. Ich habe seitdem sehr enge Kontakte zu Menschen in diesem Dorf und weiß daß hier dringend Hilfe benötigt wird, weil von Seiten des italienioschen Staates nichts passiert Es gibt mittlerweile eine gemeinnützige Gesellschaft in Castelluccio die notariell überwacht wird (per la vita di Castelluccio di norcia onlus). Gemeinsam mit dem Kloster Schäftlarn habe ich daher eine Spendenaktion gestartet, wer will kann auf das Konto von Missio Spenden überweisen (IBAN DE96 750 90 3000 8000 8000 4 Verwendungszweck: 58005-1073, Castelluccio di norcia) Diese gegen dann an die Organisation „per la vita di Castelluccio di norcia onlus“. Kauft und esst die Linsen aus Castelluccio, die ERrlöse kommen direkt den Bauern im Ort zu Gute!
    Dr. Christoph Preuss Icking

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  • 14. Oktober 2018 um 11:34
    Permalink

    Ich war vor zwei Wochen in Castelluccio und obwohl die Touristensaison vorbei ist, war der Ort rappelvoll mit Menschen (also relativ betrachtet: das Umland war leer und kommt man in den Ort, dann war der total zugeparkt mit Autos und die Menschen saßen und standen an den Verkaufsständen).
    Wir waren eigentlich nur zum Wandern auf der Hochebene unterwegs, dann haben mich die Linsen aber doch interessiert. Weil ich keine Ahnung hatte, wie Linsen überhaupt als Pflanze aussehen, hab ich mich mal auf einem Feld gebückt und gesehen, dass das, was ich für eine bei der Ernte verlorene Linse hielt, eigentlich eine Fruchthülle ist, die genau zwei kleine Linsen enthält.
    In einem feuchten Tempo eingeschlagen, habe ich genau 23 Linsen aus dem Urlaub mitgenommen und in Anzuchttöpfchen gesteckt.
    Heute, also 14 Tage später, habe ich 12 kleine Sprösslinge entdeckt.
    Für mich ist das ein botanisches Experiment, denn Oktober ist ja nun wirklich die falsche Pflanzzeit. Noch ist es warm draussen, mal sehen, ob und wie ich die Sprösslinge am Leben erhalten kann, denn mich interessieren vor allem die Blüten und das Wuchsverhalten. Zum Bestäuben der Blüten wird im Winter wohl kein Insekt vorbeikommen…
    Nachdem ich jetzt diesen Artikel gelesen habe, bereue ich zutiefst, dass wir nicht nochmal in den Ort zurückgefahren sind und Linsen gekauft haben!!!

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    • 15. Oktober 2018 um 13:41
      Permalink

      Hallo Marion, ja das ist wirklich Pech …! Selbstimport ist natürlich am besten, doch zur Not kann man sie auch hier kaufen. Viel Glück bei der Anzucht!
      Matta

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