Orangen

Die Orange ist die am meisten angebaute Zitrusfrucht der Welt, denn Orangen gehören zu den beliebtesten Früchten. Fast 80 Mio. Tonnen wurden 2019 weltweit produziert, wobei Italien mit 1,6 Mio. Tonnen der zwölftgrößte Erzeuger war.[1] Davon wiederum wurden 60 bis 70 % auf Sizilien angebaut.[2] Grund genug, einen Blick auf Orangen im Allgemeinen und sizilianische Orangen im Besonderen zu werfen.

orangen am ätna
Orangenhain zu Füßen des Ätna

Orange oder Apfelsine? Die erstgenannte Bezeichnung ist heute die geläufigere, doch der Name Apfelsine verrät uns gleich etwas über die Herkunft der Frucht, nämlich Apfel aus Sina ( = China). Von dort (oder zumindest aus Südostasien) stammt die Orange (wiss.: Citrus sinensis) also ursprünglich. Nach Europa kam sie im 15. Jahrhundert durch die Portugiesen, die nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien von dort qualitativ hochwertige süße Orangensorten nach Europa importierten. Die Verbindung Orange – Portugal hat sich bis heute gehalten: „Im Arabischen heißt die Orange heute برتقال burtuqāl (von Portugal)“[3] und auch in Italien ist diese Analogie nachweisbar: In Piemont und Ligurien bezeichnete man bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts einen Orangenhain (it.: aranceto) als portogalliera,[4] und sogar die Orange selbst wird noch heute in Teilen Italiens dialektal nicht als arancia bezeichnet, sondern z.B. als portugaj (Piemont), portugalu (Ligurien) oder schlicht portogallo (Neapel).[5]

bimbi
Bartolomeo Bimbi:
Zitrusfrüchte
um 1700, Öl/Lw., 174 x 233 cm, Poggio a Caiano (Villa Medici)
Bartolomeo Bimbi war ein florentinischer Maler, der in der zweite Hälfte des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts vor allem Stilleben malte. Besonders häufig war er tätig für Großherzog Cosimo III. de’Medici, der ein ausgeprägtes botanisches Interesse hatte, dem Bimbi mit seinen naturalistischen, didaktischen Pflanzenbildern Rechnung trug. Im obigen Bild werden 31 verschiedene Zitrusfrüchte, darunter auch einige damals bekannte Orangen-Sorten, vorgestellt. Es ist Teil eines (im Oktober 1715 dokumentierten) Zyklus, den Bimbi für Cosimos Villa La Topaia bei Castello (FI) malte, wo der Auftraggeber u.a. Zitrusfrüchte züchten ließ.

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Attribution: Bartolomeo Bimbi, Public domain, via Wikimedia Commons

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Während Bitterorangen schon länger bekannt waren, waren die süßen Orangen im 15. Jahrhundert etwas Neues. Zunächst wurden die neuen Gewächse und ihre Düfte bewundert, doch alsbald begann man die Früchte zu verspeisen. Zumindest bei den Reichen und Mächtigen waren Orangen bald populär, wie ein Bericht über ein Mittagsmahl des Erzbischofs von Mailand im Jahre 1529 zeigt, denn da kamen auf den Tisch:

Kaviar und gebratene Orangen mit Zucker und Zimt, Steinbutt und Sardinen mit Orangen- und Zitronenscheiben, Austern mit Pfeffer und Orangen, Langusten mit Zitronatzitronen, Stör mit Orangensaft, Stör in Gelee bedeckt mit Orangensaft, gebratene Scholle mit Orangen, einzelne Salatportionen mit einer Zitronatzitrone, in die das Wappen des Tischgastes eingeschnitten ist, frittierte Teigstücke mit Orangen, Soufflé mit Rosinen und Pinienkernen und bedeckt mit Zucker und kandierten Orangen- und Zitronatzitronenschalen … [6]

 

Ribera-Orangen

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Die Konzentration des italienischen Orangenanbaus auf Sizilien hat vor allem klimatische Ursachen, denn dort wird die zur Reifung notwendige Wärme problemlos erreicht. Besonders zwei Anbau-Zentren lassen sich ausmachen: Im Südwesten Siziliens, v.a. in der Provinz Agrigent, wird die Arancia di Ribera angebaut. Diese besitzt den DOP-Staus, und hinter dem Sammelnamen verbergen sich mehrere Sorten Navel-Orangen[7] wie Navelina, Washington und Brasiliano. Es handelt sich dabei um Orangen mit hellem Fruchtfleisch.

orangenhain vor ätna
Orangenhain der Firma Arcoria zu Füßen des Ätna

Im Osten Siziliens haben hingegen rund um den Ätna in den Provinzen Catania, Enna und Syrakus die Blutorangen ihre Heimat. Diese tragen als Arancia Rossa di Sicilia das IGP-Siegel. Auch hier unterscheidet man drei Hauptsorten, nämlich Moro, Sanguinello und Tarocco.[8] Während die beiden erstgenannten Sorten tatsächliche Blutorangen sind, gilt die Tarocco als Halbblutorange, da das Fruchtfleisch nur partiell rot wird. Die Färbung ist (wie bei den anderen Blutorangen auch) allerdings ein Prozess: Im Dezember/Januar ist der Grad der Rötung noch nicht so intensiv wie im April/Mai, wenn die Ernte endet. Verantwortlich für den Rotton sind zweierlei: Erstens die Anthocyane, d.h. natürliche wasserlösliche Pflanzenpigmente, die sich im Zellsaft der Pflanzen befinden, und zweitens der Boden und das Klima: Auf dem Lavaboden, der viel Kalzium, Phosphor und Kalium enthält, gedeien die Organgen gut, vor allem aber herrschen rund um den Ätna im Winter zur Reifezeit der Orangen starke Temperaturschwankungen, und genau derer bedarf es, damit die Synthese der Pigmente funktioniert. Wenn im April/Mai die Ernte beendet ist, beginnt übrigens zeitgleich die Blüte. Wer je während dieser Zeit in die Nähe eines Anbaugebiets kommt, sollte unbedingt einen Abstecher zum „Schnuppern“ machen – m.E. ist der Duft von Orangenblüten (und von Zitronenblüten) so ziemlich das Beste, was man der Nase zu riechen geben kann!

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Orangenblüten und Früchte

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Attribution: Ellen Levy Finch (Elf), CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

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Aber Orangen wollen natürlich nicht nur gerochen, sondern vor allem gegessen werden. Als besonders delikat gilt die schon genannte Tarocco. Sie wird auch die „Königin der Blutorangen“ genannt, weil sie sehr saftig ist und im Geschmack ein angenehmes Verhältnis von Süße und Säure aufweist. Außerdem ist der Vitamin-C-Gehalt ziemlich hoch und das Fruchtfleisch hat keine Kerne. Man kann sie auspressen und trinken, aber ebenso gut ganz normal verzehren.

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Verschiedene Sorten Blutorangen

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Attribution: Rillke, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons

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Oder man benutzt sie zum Kochen! Wir haben mittlerweile einige sehr leckere Rezepte mit Orangen zum Nachkochen, die wir sehr empfehlen. Dabei sollte man allerdings besonders auf die Qualität der Orangen (und übrigen Zutaten) achten. Einen Bogen sollte man um zu Discounter-Preisen angebotene Billig-Orangen machen. Denn bei diesen wurde vermutlich im agro-industriellen Anbau bei der Färbung der Schale nachgeholfen. Sind die Nächte nämlich relativ warm, so dass es deshalb nicht zu den gewünschten Temperaturschwankungen kommt, und ist die Luftfeuchtigkeit zudem relativ hoch, dann bleibt die Schale auch reifer Früchte grün. Die orangene Färbung der Schale ist also kein Reifemerkmal. Da die Verbraucher jedoch Früchte mit orangener Färbung wünschen, werden die Orangen mit ekeligen (leider in der EU zugelassenen) Chemikalien bearbeitet. Wie das im Detail funktioniert, beschreibt Udo Pollmer in seinem lesenswerten Aufsatz Orangenrot und Zitronengelb.[9]

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Pietro und Angela Arcoria, Orangenproduzenten bei Catania

Insofern raten wir eher zu Orangen aus vertrauenswürdiger Quelle. Und möglichst in Bio-Qualität. Solche gibt es von Januar bis März bei der Firma Bremer-Wein, die leckere Bio-Tarocco-Orangen aus Sizilien vertreibt. Sie stammen vom Fuße des Ätna, genauer gesagt aus Paternó bei Catania, wo Pietro Arcoria zusammen mit seiner Tochter Angela in ihrem bio-zertifizierten Betrieb 70 Hektar Orangen- und Olivenhaine bewirtschaften. Der Strom wird übrigens mit einer Photovoltaikanlage erzeugt, und bewässert wird mit Flusswasser im Micro-Drip-Verfahren. Auch das finde ich überzeugend.

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Tarocco-Orangen bei der Ankunft bei der Firma Bremer-Wein

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Übrigens werden Orangen nicht nur zum klassischen Kochen benutzt, sondern auch für Salate und im Konditoreibereich (z.B. für Orangeat oder Orangenblütenwasser), ja sie finden sogar in der Parfümherstellung Verwendung. Und wer leider eine Vitamin-C-Allergie hat, der sollte sich wenigstens die Arancini nicht entgehen lassen, ein populärer sizilianischer Snack in Form einer kleinen Orange, die jedoch aus Reis u.a. besteht.

 

Alle auf Authentisch-Italienisch-Kochen.de veröffentlichten Rezepte, die Orangen enthalten, findest du unter der Zutat Orangen.

 

 

 

Fußnoten    (↵ zurück zum Text; ggf. geschlossenen Text zunächst öffnen)

  1. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_(Frucht)#Wirtschaftliche_Bedeutung (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  2. Bezogen auf 2013/14 nennt http://www.valdiverdura.com/arance-italia-mondo 61 % (letzter Zugriff: 12.01.21), ohne Jahresbezug beziffert Marco Guarnaschelli Gotti (Grande Enciclopedia della Gastronomia, Mailand 2020) an Anteil Siziliens auf 70 %
  3. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Orange_%28Frucht%29 (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  4. Vgl. http://www.oilmix.it/analisialimentari/agrumi/quadrovarietaleitaliano.php bzw. http://gruppi.chatta.it/la-gilda-dei-matti-/forum/principale/982980/sapori-e-colori/tutti.aspx?pcount=1 (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  5. Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Citrus_sinensis#Altri_nomi_dell’arancia (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  6. Vgl. https://www.aifb.it/calendario-del-cibo/settimana-degli-agrumi/ (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  7. Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Arancia_di_Ribera#Variet%C3%A0 (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  8. Vgl. https://it.wikipedia.org/wiki/Arancia_Rossa_di_Sicilia#Variet%C3%A0 (Letzter Zugriff: 12.01.21)
  9. Vgl. http://www.deutschlandfunkkultur.de/zitrusfruechte-orangenrot-und-zitronengelb.993.de.html?dram:article_id=271284 (Letzter Zugriff: 12.01.21)

2 Gedanken zu “Orangen

  • 14. Januar 2021 um 7:25
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    Hallo Matta,

    es gibt in diesem Beitrag zwei kleine Verwechselungen mit den Himmelsrichtungen 😉
    Die Provinz Agrigent liegt im Südwesten Siziliens, nicht im Südosten. Und der Ätna lag schon immer im Osten.

    Viele Grüße aus Deutschland
    Andreas

    Antworten
    • 14. Januar 2021 um 10:11
      Permalink

      Hallo Andreas, uuupppsss – danke!! Da hatte ich neulich schon mal Schwierigkeiten mit den Himmelsrichtungen. Aber ich gebe zu: In Erdkunde war ich nie gut … 😉
      LG Matta

      Antworten

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